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Ha Thi Quy war 1968 Augenzeugin des Massakers von My Lai

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«Sie haben mein Kind getötet»

Ha Thi Quy
Ha Thi Quy
Die Amerikaner erschienen ganz plötzlich und schenkten mir Zigaretten. Dafür sollte ich ihnen Wasser aus unserem Brunnen schöpfen. Aus jedem Eimer, den ich hochzog, musste ich trinken, bevor ich ihre Feldflaschen füllte, ja, ich musste jede Portion vorkosten. Dann verschwanden sie wieder, ohne irgendwas zu sagen. Das wiederholte sich noch einmal. Als sie zum dritten Mal kamen, war alles ganz anders. Riesengroße Flugzeuge tauchten auf, flogen dreimal hin und her und schossen dabei ununterbrochen um das Dorf herum; die Schüsse fielen wie Regen. Es war am frühen Morgen, fast alle Menschen waren noch zu Hause. Mein Mann war schon mit dem Wasserbüffel auf dem Feld und ich also mit unserem Kind allein. Wir suchten Schutz in den Bunkern. Dann erschienen Soldaten und forderten uns auf, zu einer Sammelstelle zu gehen. Wir taten alles, was sie verlangten. Ich hatte meinen kleinen Sohn bei mir, mit uns kamen viele andere Dorfbewohner. Wer auf dem Reisfeld stolperte und hinfiel, wurde sofort erschossen, ebenso ältere Leute, die nicht schnell genug laufen konnten. Ich fragte mich, was sind das für Menschen, die so wahllos um sich schießen, sind das überhaupt Menschen?

Misshandlung durch US-Soldaten...
Ein Vietcong wird von südviet- namesichen und amerikanischen Soldaten misshandelt
Dann wurde ich am Oberschenkel getroffen. Es war ein Steckschuss, ich fiel um, lief dann aber trotz großer Schmerzen weiter. Wir flehten die Amerikaner an, doch sie sagten nichts und feuerten einfach weiter. Da gab es einen alten Mann, der schon seit langem, seit dem Tod seiner Eltern, im Tempel lebte. Sie holten ihn heraus. Er zeigte ihnen ein Papier, aber sie schüttelten nur den Kopf. Sie wussten nichts, wahrscheinlich wussten sie überhaupt nichts. Sie fragten ihn noch nach dem Bewässerungskanal, dann töteten sie ihn. Es war eine Unmenge von Soldaten. Sie hatten so eine Art Baskenmütze auf dem Kopf und alle eine sehr rote Haut, die aussah wie chinesischer Lack. Wir alle schrien und weinten, doch unbeeindruckt wüteten sie weiter, schossen auch auf die kleinen Kinder, die nach ihren Müttern riefen. Sie trieben die Menschen in den ausgetrockneten Kanal und feuerten auf sie. Auch mein Kind wurde getötet. Irgendwann verlor ich das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden des Kanals, um mich herum nur Leichen. Ich hatte große Schmerzen im Bein, mein Kopf war mit Schlamm und Blut verschmiert, die sich wie eine Mütze verkrustet hatten. Auch meine Füße waren voller Blut, es floss wie Wasser. So gegen zehn Uhr – die Sonne stand schon hoch, und es war sehr heiß – kroch ich auf allen vieren ins Dorf zurück. Dort stand alles in Flammen. Auch unser Haus und die Kühe im Stall brannten lichterloh. Sogar die Bäume waren umgehackt.

Nguyen Ngoc Loan erschießt einen Vietcong...
Nguyen Ngoc Loan erschießt einen Vietcong...
Nguyen Ngoc Loan erschießt einen Vietcong...
Der südvietnamesische Po- lizeichef Nguyen Ngoc Loan erschießt während der Tet- Offensive von 1968 einen mutmaßlichen Vietcong- Offizier auf offener Straße
Ich schleppte mich dann ins Nachbardorf, von wo aus man mich in ein Krankenhaus brachte, in dem ich einige Tage blieb. Als ich zurückkehrte, stank alles nach toten Tieren. Auch hatte man es noch nicht geschafft, alle Menschen zu begraben. Immer wieder fanden sich neue Sammelstellen für Massengräber; in einem See schwammen 70 Leichen. Mein Mann überlebte und kam mit dem Wasserbüffel nach Haus zurück.

Doch unser Kind war tot. Ich war damals 44 Jahre alt. Heute bin ich 75 und immer noch sehr traurig und sehr böse. Aber ich kann ja nicht bis zum Himmel schreien, ich bin viel zu schwach. Andere Menschen um mich herum haben Kinder, die sich im Alter um sie kümmern; um mich kümmert sich keiner. Ich bin nur ein einfacher Mensch und weiß gar nicht, was das sind – die Amerikaner. Ich weiß nur: Sie haben mein Kind getötet. Hätte ich damals genug Kraft gehabt, hätte ich sie auch getötet.



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